Gespräch kulturelle Bildung

„Kultureller Bildung wohnt eine gesellschaftsverändernde Kraft inne“

Berlin/Leipzig. Die Pandemie hat deutlich gemacht: Kultur und Bildung – gegenüber vielen anderen Bereichen scheinen sie keine Priorität zu genießen. Dabei schafft gerade kulturelle Bildung wichtige Voraussetzungen dafür, um als Individuen und Gesellschaft gleichermaßen Krisen wie Corona und Klimaerhitzung erfolgreich zu begegnen – darüber sind sich Dr.in Skadi Jennicke und Ulli Sommer einig. Wir haben die Kulturbürgermeisterin der Stadt Leipzig und die Geschäftsführerin von Wider Sense TraFo zum Gespräch gebeten, über die Rolle kultureller Bildung in Leipzig und der Welt, Müll als nachhaltiges Kulturobjekt und positive Zukunftsvisionen für unseren Planeten.

Ulli Sommer (links) ist Geschäftsführerin der Wider Sense TraFo gGmbH. Die gemeinnützige Gesellschaft ist Trägerin des Projektes „Kreativpotentiale im Dialog“. Dr.in Skadi Jennicke (rechts) ist Kulturbürgermeisterin der Stadt Leipzig.

Ulli Sommer (links) ist Geschäftsführerin der Wider Sense TraFo gGmbH. Die gemeinnützige Gesellschaft ist Trägerin des Projektes „Kreativpotentiale im Dialog“. Dr.in Skadi Jennicke (rechts) ist Kulturbürgermeisterin der Stadt Leipzig.

Frau Jennicke, Leipzig ist seit jeher Kulturstadt, es gibt eine lebendige und vielfältige Künstlerszene. Ist Leipzig gerade deswegen so gut in Sachen kultureller Bildung aufgestellt?

Dr.in Skadi Jennicke: Ja, und umgekehrt. Der Erfolg von Leipzig als Kulturstadt hat meiner Meinung nach auch damit zu tun, dass wir so stark auf kulturelle Bildung setzen. Ich denke, da gibt es eine ganz starke wechselseitige Verstärkung. Zugespitzt formuliert: Künstlerische und kulturelle Vielfalt – und damit auch die kulturelle Qualität – ist dann höher, wenn mehr kulturelle Bildung stattfindet. Das muss man aber entsprechend fördern, langfristig entwickeln und für die notwendige Vernetzung sorgen. Ein Beispiel: Eine unserer Kolleginnen im Kulturamt befasst sich ausschließlich mit kultureller Bildung. Sie organisiert unter anderem alle sechs bis acht Wochen einen Jour fixe, bei dem sich Kulturvermittler, Vertreterinnen der freien Kunst und Kultur und andere vernetzen und austauschen.

Ein weiteres Beispiel: Wir haben sehr erfolgreich am Programm „Lernen vor Ort“ teilgenommen und konnten in diesem Zusammenhang bestimmte Bildungs- und Kultureinrichtungen stärker miteinander verbinden. Das ist ja ohnehin die Aufgabe, die sich immer wieder neu stellt: So wie sich Schule verändert, muss sich sicher auch die kulturelle Bildung darauf einrichten. Je mehr Raum Schule einnimmt, desto weniger Platz bleibt vermeintlich für kulturelle Bildungsangebote, beziehungsweise desto geschickter muss man beides innerhalb der Bildungslandschaft integrieren.

Kulturelle Bildung muss also weiterhin um ihren Platz in der Bildungslandschaft ringen?

Ulli Sommer: Da würde ich gerne einhaken. Der Bedeutungsgewinn von kultureller Bildung in den vergangenen zehn, 15 Jahren war ja auch eine Antwort auf die Entwicklungen, die es nach dem PISA-Schock um die Jahrtausendwende gegeben hat. Danach hat man in der Bildungspolitik sehr stark auf bestimmte Kompetenzbereiche gesetzt, vor allem auf Sprache und die sogenannten MINT-Fächer, was ja auch unbestreitbar wichtig ist. Und die Stärkung von kultureller Bildung als unverzichtbarem Bestandteil von Allgemeinbildung war dann letztendlich auch eine Art Gegenbewegung zu diesen Entwicklungen. Obwohl hier in den letzten zehn bis 15 Jahren viel erreicht worden ist: Mit dem Rückzug großer Stiftungen aus der kulturellen Bildung, absehbar angespannten Haushaltslagen und der schwierigen Situation für Kunst und Kultur in der Pandemie sehen wir derzeit auch wieder eine sehr kritische Entwicklung.

„Kulturelle Bildung sorgt dafür, auch aus der eigenen Blase rauszukommen“

Jennicke: Natürlich hat es die kulturelle Bildung aktuell ein Stück weit schwerer, da sie sehr viel besser in der Gruppe, im Austausch und im sozialen Miteinander funktioniert. Mir wäre sehr daran gelegen, dass wir gerade auch hier die Wechselwirkungen begreifen, wie zum Beispiel bei den großen Schnittmengen zwischen Mathematik und Musik. Wenn es in Bildungs- und Kulturpolitik sehr viel stärker um ein Ideal von integrierter Persönlichkeit gehen würde, dann würden wir auch mehr junge Menschen heranwachsen sehen, die eine Pandemie-Situation besser verarbeiten könnten.

Sommer: Da stimme ich zu. Persönlichkeitsbildung ist ein sehr wichtiges Ziel kultureller Bildung, ihr wohnt aber auch eine gesellschaftsverändernde Kraft inne. Kulturelle Bildung ist auch deswegen ein wichtiger Faktor, weil sie Experimentierfreude schafft, weil man durch sie neue Ideen und Zukunftsvorstellungen gewinnen kann und auch zu Aushandlungsprozessen gezwungen wird – mit anderen Diskursen, anderen kulturellen und sozialen Kontexten. Kurz: Oft durch sie aus der eigenen Blase rauskommt. Diese positive Funktion und die transformative Kraft von kultureller Bildung müssen wir noch weitaus mehr nutzen.

Jennicke: Das halte ich für ganz wesentlich. Man muss ja von der kulturellen Bildung nicht die nächste gesellschaftliche Revolution erwarten. Dass man aber mit Veränderungen in der Lage ist, umzugehen und sie nicht als Bedrohung empfindet, das ist ganz wesentlich für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Veränderung ist ein gutes Stichwort. Der Weltklimarat hat uns gerade noch einmal vor Augen geführt, wie stark wir uns im Zuge der Erderhitzung als Menschheit verändern müssen. Welche Rolle spielt kulturelle Bildung denn in der Nachhaltigkeitsdebatte?

Sommer: Uns fehlt es ja nicht an Wissen um die Begrenztheit von Ressourcen. Und daher wird in jüngeren Debatten sehr häufig hervorgehoben, dass Nachhaltigkeit eben nicht nur ein ökologisches, ökonomisches oder soziales Projekt ist, sondern dass sie auch eine ausgeprägte kulturelle Dimension hat. Wir sollten nicht immer nur über Verbote oder Verzichte reden. Das ist für viele Menschen eher abschreckend und demotivierend. Es braucht viel mehr Ideen und Narrative, die uns von einer positiven Zukunft, von Lebensqualität und Gestaltbarkeit erzählen. Kulturelle Bildung kann dazu viel beitragen.

Jennicke (schließt das Fenster): Entschuldigung bitte, hier ist es gerade so laut. Im Hof werden gerade E-Ladesäulen installiert.

Sommer: Passt ja zum Thema.

„Kulturelle Bildung kann einen leichteren Zugang zum komplexen Feld der Nachhaltigkeit liefern“

Jennicke (lacht): Ja, das stimmt. Kulturelle Bildung kann Menschen auch die Erfahrung verschaffen, dass Veränderung möglich ist. Zweifelsohne ist der aktuelle Zustand unseres Planeten veränderungspflichtig. Davon darf man sich aber nicht erdrücken lassen. Kulturelle Bildung kann einen wichtigen und eben auch leichteren Zugang zu diesem komplexen Feld liefern. Es geht beim Thema Nachhaltigkeit eben nicht nur um Klimaschutz, sondern noch um 16 weitere Nachhaltigkeitsziele. Mit kultureller Bildung kann man diese Komplexität Stück für Stück reduzieren und mit ihrem experimentellen Ansatz Handlungsoptionen entwickeln.

Hier zeigen sich ja auch große Schnittmengen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wo liegen da denn die Unterschiede zur kulturellen Bildung?

Sommer: Die Grenzen sind sehr fließend und das ist auch gut so. Dass sich BNE als eigenes Feld und auch als Thema etablieren konnte, das ist ja ein unglaublicher Gewinn. Insofern geht es nicht um Konkurrenz, sondern um eher so etwas wie ein Zusammenwirken mit unterschiedlichen Stärken. Die Stärken der kulturellen Bildung liegen in ihrer großen Ergebnisoffenheit, in der Einladung zum Experiment. Und ich glaube auch, dass kulturelle Bildung normativ nicht ganz so stark aufgeladen ist wie Bildung für nachhaltige Entwicklung. Das haben wir auch bei der Vorbereitung des Forum Kreativpotentiale gesehen. Ein konkretes Beispiel: Denken Sie an Müll. Ein klassisches BNE-Projekt wird sich wahrscheinlich damit beschäftigen, wie und warum Müll entsteht und wie man das vermeiden kann. Ein Projekt der kulturellen Bildung sieht Müll vielleicht als Stoff für künstlerische Projekte. Und durch diese reflektiert man dann, wie Müll entsteht und wie man ihn vermeiden kann. Bildung für nachhaltige Entwicklung und kulturelle Bildung – das sind geborene Partnerinnen.

Und die stehen ja auch in starkem Austausch, zum Beispiel bei zwei Veranstaltungen in Leipzig. Wie sieht das konkret aus?

Jennicke: Unser Fachtag für nachhaltige Bildung, für nachhaltige Entwicklung und interkulturelle Bildung im Oktober in der Städtischen Bibliothek richtet sich an Pädagoginnen und Pädagogen von Leipziger Bildungseinrichtungen. Er besteht aus drei Elementen: Einer Projektphase, wo sich Träger von kultureller Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung vorstellen können, vom Naturkundemuseum über die städtischen Bibliotheken bis zur Stadtreinigung. Drei Projektträger bieten auch Workshops an, das Theater der Jungen Welt zum Beispiel ein Umwelt Adventure, der Träger Kunztstoffe beschäftigt sich mit Materialkunde und Upcycling.

Sommer: Es ist übrigens ein sehr schöner Umstand, dass in kurzer Zeit gleich mehrere Tagungen zur kulturellen Bildung und Nachhaltigkeit in Leipzig stattfinden.

Eines davon ist das Forum Kreativpotentiale. Was hat den Ausschlag gegeben, dafür nach Leipzig zu gehen?

Sommer: Zum einen, weil es hier viele Akteur*innen kultureller Bildung gibt, wie Frau Jennicke gerade berichtet hat. Darüber hinaus ist Kreativpotentiale im Dialog ja ein Projekt, welches zum Ziel hat, kulturelle Bildung nachhaltig in den Schulsystemen der Länder zu etablieren. 15 Bundesländer sind beim Projekt dabei, Sachsen zu unserem großen Bedauern nicht. Insofern ist es natürlich auch unser Ansatz, Vernetzung auf allen Ebenen mit Menschen aus ganz Deutschland herzustellen – zwischen Verantwortlichen aus den Ländern, aus Verwaltungen, Menschen aus Servicestellen oder pädagogischen Landesinstituten, Lehrkräften, Menschen aus Jugend- und Bildungseinrichtungen, mit Künstler*innen und nicht zuletzt auch Schülerinnen und Schülern.

Wie sieht dieser Austausch aus?

Sommer: Ein Fokus liegt auf dem Experimentieren, um das es vorhin ja schon ging. Wir haben insgesamt gut drei Dutzend Workshops, in denen man sich selbst erproben, praktisch arbeiten und in den Austausch kommen kann. Und da sind im Übrigen auch viele Akteur*innen aus Leipzig bzw. aus Sachsen mit an Bord. Dazu kommen zwei spannende Keynotes, eine von einer jungen und erfolgreichen Kulturmanagerin aus dem Ruhrgebiet, die zeigt, wie man Organisationsentwicklung in Kultureinrichtungen nachhaltig – d. h. orientiert an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen – gestalten kann. Die zweite Keynote zum Thema transformatives Lernen und Nachhaltigkeit wird vom designierten Präsidenten der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde gehalten, auch davon versprechen wir uns wichtige Impulse. Viele unserer Programmpunkte werden übrigens auch digital stattfinden. Wir wollen explizit aufzeigen, wie der Austausch zu und durch kulturelle Bildung in einer Verbindung von analogen und digitalen Formaten gelingen kann. Das hat ja auch eine starke nachhaltige Komponente, nicht nur wegen gesparter Reisekilometer.

„Es braucht mehr fließenden Grenzen zwischen Klassenräumen und anderen Umfeldern“

Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal in die Zukunft schauen: Stellen Sie sich beide vor, wir sprechen im Jahr 2030 erneut über den Einfluss von kultureller Bildung auf eine nachhaltige Lebensweise der Menschen. Was hat sich dann verändert?

Sommer: Ich würde mir wünschen, dass es dann eine Bildungslandschaft gibt, in der das Experimentieren mit solchen Fragen von Nachhaltigkeit und eine ganz konkrete und tätige Auseinandersetzung damit ganz selbstverständlich noch sehr, sehr viel mehr Raum und Platz haben, als das derzeit der Fall ist. Und dass es mehr fließende Grenzen zwischen dem gibt, was man tatsächlich in einem Klassenraum erarbeitet und dem, was dann auch in ganz anderen Umfeldern stattfindet. Eine gute Grundlage für den Umgang mit weiteren und neuen Herausforderungen.

Jennicke: Okay, Blick auf 2030. Ich bin mal sehr utopisch und sage: Wir haben die Nachhaltigkeit in unseren Lebensalltag integriert. Das Pariser Klimaziel ist erreicht und wir können uns in der in der kulturellen Bildung wie auch generell in unserem Leben, aber auch in der Kunst und Kultur, wieder einem offenen Blick nach vorne widmen und uns tatsächlich mal frei von allen Funktionalitäten ausprobieren. Das könnte doch ein schönes Ziel sein, oder?

Über die Gesprächs-Partnerinnen

Dr.in Skadi Jennicke
ist Bürgermeisterin und Beigeordnete für Kultur der Stadt Leipzig.

Ulli Sommer
ist Leiterin des Projekts „Kreativpotentiale im Dialog“ und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Wider Sense TraFo gGmbH, die das Projekt umsetzt.

Über das Forum Kreativpotentiale

Kulturelle Bildung wird zum festen Bestandteil des Lehrens und Lernens an Schulen in Deutschland: Das ist das Ziel des bundesweiten Netzwerkprojekts „Kreativpotentiale im Dialog“ der Wider Sense TraFo gGmbH. Diese lädt am 28. und 29. September Akteur*innen aus den Bereichen kulturelle Bildung und Nachhaltigkeit zum „Forum Kreativpotentiale“ nach Leipzig ein.

Zwei Tage lag diskutieren und erleben diese, welchen Beitrag kulturelle Bildung – verstanden als Allgemeinbildung im Medium der Künste – für den Nachhaltigkeitsdiskurs und für nachhaltige Entwicklung leisten kann. Der Titel des Forums: „Das kann nicht weg! Warum Nachhaltigkeit mehr kulturelle Bildung braucht.“

Das Forum Kreativpotentiale fördert den Diskurs über die Rolle von kultureller Bildung für eine nachhaltige Zukunft und gibt zugleich auch eine Fülle von konkreten Anregungen für die praktische Arbeit vor Ort. Als Kooperationspartnerin an der Ausgestaltung der Tagung beteiligt sich die Kulturpolitische Gesellschaft.